Wie wir wohnen wollen

Die Architekturtriennale in Lissabon widmete sich aus portugiesischer Sicht der banalsten und gleichzeitig schwierigsten Bauaufgabe: dem Haus - Eine Rückschau

Die Besucher der von der Tageszeitung Daily Mail veranstalteten “Ideal Home Exhibition” im London des Jahres 1956 dürften aus dem Staunen nicht herausgekommen sein: Von der Zuschauergalerie betrachtet, erstreckte sich unter ihnen eine Wohnlandschaft mit einheitlich glatten, klinisch reinen Oberflächen. Sechseckige Tische tauchten auf Knopfdruck aus dem Boden auf, futuristische “electrostatic dust collectors” und “tellaloud speaking telephones” saugten und summten, der Kochbereich war bis zum idealen Standort fürs Marmeladenglas durchgeplant. Zur Erleichterung des Verständnisses führten eigens engagierte Schauspieler in Nylonpullovern von morgens bis abends die Handlungsabläufe des Wohnens pantomimisch vor. Eine Szene wie aus einem Traum von Jacques Tati.

Ganz tatimäßig auch der Name des Pavillons: House of the Future. Die planenden Architekten Alison und Peter Smithson hatten sich dazu auf einer Frankreich-Reise bei einem Höhlenbesuch inspirieren lassen: Die heimelig-runde embryonale Schutzhülle als Passform für den Rückzug in die vollautomatisierte Privatheit. Das Ehepaar Smithson sollte wenig später zu den führenden Exponenten des Pop und Brutalismus werden, ihre Ideen zum Haus der Zukunft erweisen sich heute als die langlebigeren. Sie bilden den Auftakt der Ausstellung der Trienal de Arquitectura in Lissabon, die dieses Wochenende nach zwei Monaten mit einem Symposium zu Ende geht.

Unter dem Motto “Let’s talk about houses”, das einer Zeile des portugiesischen Dichters Herberto Helder entnommen ist, widmete sich die Triennale ganz der scheinbar banalen Frage, was es bedeutet, ein Haus zu bewohnen, und was es bedeutet, eines für die Bewohner zu bauen - mit einer Bandbreite, die von drei umfangreichen Ausstellungen über Wettbewerbe bis zu Podiumsdiskussionen reicht, wurde die Triennale ihrer offenen Programmatik gerecht und zählte nach 40 Tagen bereits 40.000 Besucher. Der Pavillon der Smithsons, bei dem jede Bewegung des Bewohners vom Architekten vorausgeplant wurde, bildet hier das eine Extrem.

Der Gegenpol dazu bietet zugleich einen spannenden Einblick in die jüngere portugiesische Geschichte: Als am 25.April 1974 das Lied Grandola, Vila Morena im Radio erklang und als verabredetes Signal die Nelkenrevolution ins Rollen brachte, die Europas damals älteste Diktatur hinwegfegte, wurde das Bauen von Häusern über Nacht zu einem brennenden Thema. Die Probleme, die es zu lösen galt, waren immens: Die Kolonialkriege hatten 50 Prozent des Staatshaushalts verschlungen, ein Viertel der Bevölkerung lebte unter dem Minimalstandard, im ganzen Land fehlten 600.000 Wohnungen. Demonstrierende Massen zogen mit Slogans wie “Wir wollen Häuser!” und “Häuser ja, Baracken nein!” durch die Straßen von Lissabon und Porto.

Daher initiierte Regierungsmitglied Nuno Portas das Programm “Serviço de Apoio Ambulatório Local”, kurz SAAL. Das Ziel: Bauen mit den Bewohnern für die Bewohner. In den von politischer Radikalisierung geprägten Monaten nach der Revolution setzten sich Architekten und Bürger - darunter auffällig viele Frauen, Kinder und Alte - zusammen, diskutierten, planten und bauten, mal spielerisch, mal chaotisch, mal politisch geprägt. Dort, wo es einen konkreten Plan gab, war der Erfolg weit größer als dort, wo man sich in Grundsatzdiskussionen verlor. Als das Programm im Oktober 1976 von der Regierung abrupt gestoppt wurde, waren immerhin mehr als 2000 Wohnungen im Bau, an die 6000 standen kurz vor Baubeginn. Auch Álvaro Siza, heute die herausragende Einzelpersönlichkeit der portugiesischen Architektur, war daran beteiligt. Seine Wohnanlage in Porto wurde nach 30 Jahren im halbfertigen Zustand sogar noch 2006 fertiggestellt.

“Wir waren damals überzeugt, dass sich die Architektur der Realität, den Menschen zuwenden musste”, sagt Nuno Portas heute. “Wir sahen das Bauen als Dienstleistung, weniger als Kunst.” Der ebenfalls an SAAL beteiligte Architekt Alexandre Alves Costa fügt hinzu: “Häuser zu bauen war etwas, das alle anging. Wir konnten uns damals gar nichts vorstellen, das nicht für alle war.” Während diese Phase der Partizipation seither selbst in Portugal in Vergessenheit geriet, ist das gemeinsame Planen weltweit wieder gefragt, wenn auch nicht in Europa. Dies zeigt der Teil der Ausstellung, der sich mit Brasilien, Mosambik und Angola den ehemaligen Kolonien widmet. Für die angolanische Hauptstadt Luanda, bedingt durch Bodenspekulation eine der teuersten Städte Afrikas, während gleichzeitig ein Großteil der Wohnviertel auf Müllkippen errichtet wurde, hatte die Triennale einen Wettbewerb für einfache Wohnlösungen ausgelobt. Die 599 eingegangenen Vorschläge sollen dieses Jahr auch in Luanda gezeigt werden. Ob die Siegerprojekte auch realisiert werden, ist ungewiss.

Die Aufteilung der Ausstellungen auf verschiedene Kuratoren sorgte für eine gut fundierte Bandbreite, wenn auch die von Peter Cook zusammengestellte Präsentation skandinavischer Bauten unter dem Titel “Zwischen Nord und Süd” trotz architektonischer Qualität thematisch und geografisch nicht nachvollziehbar war. Überzeugender dagegen die Werkschau aktueller Projekte aus Portugal, in der sich das Land als Konzentrat heutiger Tendenzen zeigte. Auch hier tauchte wieder Álvaro Siza auf, diesmal mit einem Luxuswohnbau in der Altstadt von Lissabon, inklusive Panoramablick und vier Badezimmern pro Wohnung.

Diese Verwellnessung des Privaten steht ganz im Zeichen der Zeit. “Küchen und Bäder erfüllen heute nicht nur funktionelle Zwecke, sondern sind Räume, mit denen man sich seiner Identität vergewissert”, sagt die Anthropologin Filomena Silvano. Dennoch ist die Gentrifizierung der Innenstädte in Portugal bislang die Ausnahme. Noch immer ist beispielsweise die Altstadt von Porto - immerhin Weltkulturerbe - von Leerstand und Zerfall geprägt. Sowohl Porto als auch Lissabon haben seit den 80er-Jahren ein Drittel ihrer Einwohner ans Umland verloren, ein Umdenken setzt nur langsam ein.

Die gezeigten Häuser in Portugal sind daher fast alle am Stadtrand oder auf dem Land zu finden. Hier kam die Triennale wieder auf ihr Grundthema zurück: Wie sich das Wohnhaus als intimster Ort planen lässt, ohne den Bewohnern die Möglichkeit der Aneignung zu verbauen.

Dass dabei bisweilen einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten ist, zeigt das Projekt im Barrio Contumil in Porto: Bei der Sanierung des heruntergekommenen Wohnblocks fingen die Architekten mit dem Außenraum an, pflanzten Bäume und stellten Sitzbänke aus Betonfertigteilen auf. Die Bewohner reagierten anfangs mit Ablehnung und Unverständnis, inzwischen haben die Familien den Raum enthusiastisch in Beschlag genommen. Ganz anders das radikal einfache Hofhaus, das Rui Mendes für seine Bauherrin plante: Zwischen beiden entspann sich ein “Text über das, was das Haus sein könnte”. Dabei kamen sie sich so nahe, dass daraus eine Liebesgeschichte wurde - und aus dem privaten Ein-Personen-Wohnraum ein Haus der gemeinsamen Zukunft.

(erschienen in: Der Standard, 15./16.1.2011)






Von Bambus bis Beton

Eine gemeinsame Feier für die Architektur: Beim World Architecture Festival in Barcelona stahl ein Haus aus Costa Rica den Stars die Show.

Mit Preisverleihungen ist das ja so eine Sache. Nicht selten dienen die wohltönend benannten Awards, die in zunehmender Anzahl über die Öffentlichkeit hereinbrechen, in erster Linie dem Ruhm des Ausrichters, mit dem Ausgezeichneten als prominentem Feigenblatt. Man mietet eine Halle, drückt darin einer Landeshauptmannwitwe ein Stück Plexiglas in die Hand, erklärt sie zur “Frau des Jahres” , und kann sich seiner 15 Minuten Mediengetöse sicher sein.

Wenn also ein Londoner Journalist namens Paul Finch ein World Architecture Festival erfindet und mit prominenten Lockvögeln wie Arata Isozaki ins sonnige Barcelona lockt, ist zunächst Skepsis angebracht. Jedoch ist Paul Finch ein profunder Kenner der internationalen Architektenszene, und die Resonanz beim Festival, das vorige Woche bereits zum dritten Mal stattfand, kann sich sehen lassen. Mehr als 1300 Besucher, vom Studenten bis zum Star, verfolgten die bis zum Anschlag mit Programm vollgestopfte dreitägige Veranstaltung. Kein Mediengetöse, die Szene blieb unter sich.

“Es geht hier nicht um Business oder Publicity” , sagt der britische Architekt Will Alsop, Mitglied des Preisgerichts in Barcelona, zum Standard, “sondern darum, gemeinsam die Architektur zu feiern. Das passiert selten genug.” Das Seltene daran: Hier treten nur wenige der üblichen Verdächtigen, sprich: Stararchitekten, zum Schaulauf an, stattdessen stehen Architekten aus Nationen wie Singapur, Australien oder der Türkei im Mittelpunkt. Ein Weltarchitekturfestival also, das seinem Namen gerecht wird.

Globale Nivellierung

Bei näherer Betrachtung liegt die unübersehbare Ironie darin, dass man sich weltweit ganz ortsunabhängig desselben Entwurfsarsenals bedient. “Als Juror ist man dann etwas erstaunt, wenn ein Gebäude im Iran nicht viel anders ausschaut als eines in Kolumbien” , sagt Alsop. “Daran sieht man die globale Nivellierung - in Zeiten des Internets sind alle sofort auf dem aktuellen Stand, man muss sich nicht mehr wie früher teure Bildbände kaufen, um zu wissen, was angesagt ist.” Der Qualität, das stellten die insgesamt 81 Juroren im Zuge des Architekturmarathons fest, ist diese Nivellierung jedoch nicht abträglich - sie honorierten herausragende Projekte in über 30 Kategorien, darunter hinlänglich Bekanntes wie das WM-Stadion in Johannesburg, aber auch Neuentdeckungen wie ein Bankgebäude aus präzise geschichtetem weißem Marmor in Teheran.

Spannend wurde es dort, wo die Gegebenheiten des Ortes spezielle Lösungen erzwingen - wie etwa im dichtest bebauten Singapur, wo das Büro ARC seine monumentale Wand aus 1850 gestapelten Wohnungen geschickt aufbricht und mit hängenden Gärten und schwebenden Parks inklusive Laufparcours im 50.Stock der Stadt ein Stück Freiraum abluchst. Einen noch größerem räumlichen und zeitlichen Maßstab zeigte ein Masterplan für die Zukunft des gebeutelten Palästina, vom Radweg bis zur Energieversorgung.

Erfolgreicher Kraftakt

Der erste Preis in der Kategorie Kultur ging an einen der wenigen Stars - Zaha Hadid und ihr im Frühjahr eröffnetes und bereits mit reichlich Lob überhäuftes Kunstmuseum MAXXI in Rom. Auch die Jury in Barcelona honorierte die gelungene Mischung aus überraschend unhadidscher Zurückhaltung bei den diskret zwischen alten Militärbaracken versteckten, wie verbogene Schienenstränge gebündelten Baumassen und der ganz in kühlem Schwarz, Grau und Weiß gehaltenen dreidimensionalen Achterbahnfahrt der spektakulär inszenierten Innenräume. Für den erfolgreichen Kraftakt, die komplex gekrümmten Wände aus allseitig glattem Sichtbeton im bauwirtschaftlich, gelinde gesagt, schwierigen und allem Neuen nicht gerade aufgeschlossenen Italien exakt nach Plan zu realisieren, gab es ein ehrfurchtsvolles Sonderlob.

So weit, so richtig, so erwartbar. Dann aber, nach all den routiniert mit Kubikmetern und Visionen jonglierenden Bilderfluten, erschien ein junger, schmächtiger Architekt aus Costa Rica namens Benjamin Garcia Saxe auf dem Podium und begann, eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte eines Hauses, die Geschichte einer Familie - seiner eigenen. Sie trägt den literarisch leuchtenden Namen “Forest for a Moon Dazzler” und lautet in Kürze so: Garcia Saxes Mutter trennt sich, bedingt durch Alkohol- und Drogenprobleme, früh von Mann und Söhnen, flüchtet aus der Stadt, baut sich im Regenwald nahe dem Ozean ein Haus. Nachts betrachtet sie vom Bett aus den Mond, er wird für sie zum Symbol der Verbindung mit ihren Kindern. Jahre später beginnen sich Mutter und Sohn wieder anzunähern. Als Zeichen dieser Annäherung beschließt Garcia Saxe, ihr ein neues Haus zu planen. Aufmerksam kartiert er ihren Tagesablauf: Wo sie kocht, liest, telefoniert, wie ihre selbstgebastelten Alarmanlagen funktionieren. Er entwirft ihr ein Zuhause als Passform für ihr Leben. Ein klarer Plan: Dreigeteilt in Schlafzone, Wohnzone und Patio, gebaut mit dem Bambus des Waldes, licht- und luftdurchlässig und doch privat. Über dem Schlafbereich: eine Öffnung zum Betrachten des Mondes.

Mondbasis für Mutter

Fern aller Rührseligkeiten verweist das so einfache wie ausgeklügelte Haus auf die elementaren Anfänge jeglicher Architektur: Schutz zu bieten für einen Menschen. Genau aus diesem Grund erntete Garcia Saxe wohl auch den größten Beifall auf dem Festival. “Geplant war das Haus als Geschenk für meine Mutter” , sagt der Architekt. “Es funktioniert aber auch unabhängig davon, als Prototyp.” Das deutlichste Zeichen dafür: Zahlreiche Bauherren in spe, sogar Schulen, zeigen sich interessiert.

Mit diesem gerade einmal 40.000 Dollar teuren Bauwerk als Kontrapunkt zu Zaha Hadids millionenschwerer Kulturmaschine zeigte das Festival exemplarisch die ganze Spannweite des Bauens. Den “World Building of the year” -Award gewann zum Abschluss das MAXXI-Museum. Statt Preisgeld gab es ein kleines Geschenk eines der Sponsoren. Wer aber auf den Anblick einer Zaha Hadid gehofft hatte, die mit vor Freude leuchtenden Augen einen originalverpackten Duschkopf in Empfang nimmt, wurde enttäuscht: Die Dame selbst war nicht zugegen. Um so mehr Raum blieb für die Stars von morgen.

(erschienen in: DER STANDARD, 13./14. November 2010)

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Neues Feuer für die Tschickfabrik

Eine aktuelle Ausstellung zeigt die Vergangenheit der ehemaligen Austria Tabakwerke in Linz. Gleichzeitig grübelt man über die Zukunft des Areals nach.

Strahlend fällt die Nachmittagssonne durch die hohen Fensterbänder. Der helle, langgezogene Raum erstreckt sich in sanftem Schwung dahin. Sein Ende ist nicht in Sicht. 75 Jahre lang wurden hier bis zu 8000 Zigaretten pro Minute erzeugt. Jetzt sind die Maschinen verschwunden, nur in der Luft liegt noch ein leichter Duft von Tabak. Vor einem Jahr wurde die Produktion in den ehemaligen Austria Tabakwerken in Linz eingestellt. Nun erforschen die ersten neugierigen Besucher das 30.000 Quadratmeter große Areal.

Noch vor wenigen Wochen gastierte in den leerstehenden Hallen das diesjährige Ars-ElectronicaFestival. Nun ist es eine Ausstellung im Stadtmuseum Nordico, die die Fabriktore für die Bürger aufgesperrt hat. Für sie war die “Tschickbude” - so wird das unter Denkmalschutz stehende Gebäude im Volksmund genannt - in den letzten Jarhrzehnten stets Teil der Linzer Stadtidentität.

Neben den produktionstechnischen Aspekten beleuchtet die Ausstellung vor allem auch die Geschichte des Bauwerks selbst - zu Recht. Obwohl es sich nämlich um ein architektonisches Glanzstück des 20. Jahrhunderts handelt, ist der Bau des namhaften deutschen Baumeisters Peter Behrens über die Linzer Stadtgrenzen hinaus kaum bekannt.

Geplant und errichtet von 1928 bis 1935, zusammen mit Alexander Popp, war die Tabakfabrik der letzte große Bau des Architekten. Ursprünglich Künstler und Designer, hatte sich Behrens mit der Turbinenhalle der AEG in Berlin einen Namen gemacht, und auch gleich das gesamte Erscheinungsbild der Firma bis hin zum Briefkopf gestaltet - die Blaupause dessen, was heute als Corporate Design gang und gäbe ist. In seinem Büro arbeiteten unter anderen die späteren Stars der Moderne Walter Gropius und Mies van der Rohe, und ein Schweizer mit aufbrausendem Temperament, der später unter dem Namen Le Corbusier bekannt wurde.

In den Zwanzigerjahren kam Behrens als Professor der Wiener Akademie nach Österreich, hinterließ mit dem Franz-Domes-Hof in Margareten seine Spuren im Wiener Gemeindebau und erhielt den Auftrag der Österreichischen Tabakregie für einen Fabrikneubau in Linz. Das Massenprodukt Zigarette hatte längst die gemütliche Pfeife und die großbürgerliche Zigarre abgelöst. Für die mittlerweile benötigten drei Milliarden Zigaretten pro Jahr musste eine neue Produktionsstätte her.

Wie schon in Berlin schuf Behrens auch hier ein Gesamtkunstwerk: Neben dem Haupttrakt, dem 226 Meter langen Stahlskelettbau im Stil der Neuen Sachlichkeit, dem skulpturalen Kraftwerk im Innenhof und den aufwändig detaillierten Stiegenhäusern wurden eigens ausgeklügelte Fensterlösungen für die konstant hohe Luftfeuchtigkeit entwickelt und sogar passende Stahlrohrsessel für die Arbeiter entworfen. Trotz der einsetzenden Wirtschaftskrise wurde bis zum Schluss mit hochwertigen Materialien gebaut - ein Grund, warum sich die Tabakfabrik auch heute noch in exzellentem Zustand präsentiert.

Peter Behrens, der 1940 starb, geriet in der Nachkriegszeit in Vergessenheit. Sein Kompagnon Alexander Popp, schon vor dem Anschluss 1938 glühender Nationalsozialist, bekam nach Kriegsende Berufsverbot. Die Architekturwelt nahm von der Tabakfabrik nicht weiter Notiz, und die Austria Tabakwerke waren wenig geneigt, sich vom Denkmalschutz behindern zu lassen. Sie schrieben ihre Erfolgsgeschichte weiter und erwirtschafteten zeitweise bis zu sechs Prozent des österreichischen Steuereinkommens.

Mit dem EU-Beitritt endete das staatliche Tabakmonopol. 2001 wurde die Fabrik schließlich an die britische Gallaher Group verkauft. Bald nach der Übernahme durch Japan Tobacco International wurde der Standort schließlich aufgegeben - nicht zuletzt wegen der strengen Auflagen durch den Denkmalschutz, unter den die Fabrik 1981 dann doch gestellt worden war.

Leerraum mitten in der Stadt

Die Stadt Linz ergriff die Chance und erwarb das Areal 2009 um 20,4 Millionen Euro. Damit besitzt sie nun nicht nur ein architektonisches Schmuckstück, sondern auch 80.000 Quadratmeter leere Fläche. Zum Vergleich: Das Wiener Museumsquartier bringt es auf knapp 60.000 Quadratmeter. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass das Freiwerden einer so innenstadtnahen Industrieanlage schon seit Jahren absehbar gewesen sei, dass man also früher hätte zuschlagen sollen. Sicher ist: Mit dem Ars Electronica Center, dem Museum Lentos und dem Wissensturm wurde in den letzten Jahren ein Großteil des kulturellen Kuchens bereits in der Stadt verteilt. Die Kunstuniversität, die als Mieterin schon in der Tabakfabrik untergebracht war, bevorzugt den Standort am Hauptplatz.

Welche Möglichkeiten hat eine Stadt wie Linz, einen Leerraum dieser Dimension zu füllen? Um diese Frage zu beantworten, hat das Architekturforum Oberösterreich (afo) die Plattform “Umbauwerkstatt” ins Leben gerufen. Nicht füllen, sondern entwickeln - so lautet das Motto des Architekten und Mitinitiators Lorenz Potocnik. Und zu diesem Zweck ließ man sich einiges einfallen: Eine Ausstellung über den kreativen Umgang mit Leerstand fand statt, eine Reihe offener “Salons” und Symposien bietet Podiumsdiskussionen mit Beteiligung von Experten und Bürgern. Geplant sind ein “Schaulabor” und ein Thinktank zur Entwicklung von Ideen.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem Input von außen, schließlich sind Strukturwandel und brachliegende Industrieareale seit Jahren ein städtebauliches Thema. “Beispiele für eine gelungene Umnutzung gibt es genug in Europa”, sagt Potocnik, “etwa die ebenfalls denkmalgeschützte Van-Nelle-Tabakfabrik in Rotterdam. Alles an einen einzigen Nutzer zu vergeben, wäre der Worst Case.”

Dabei zieht die Umbauwerkstatt mit der Stadt Linz durchaus an einem Strang: In einer ersten Studie hat sie Szenarien wie “Kreativstadt”, “Exzellenz” und “Jugend, Toleranz und Material” entwickelt. Man setzt auf Bildungseinrichtungen und Ateliers für Industriedesigner. Dafür liegt die Tabakfabrik als Teil der Kulturachse an der Donau ideal.

Dass die Linzer an der Zukunft des Gebäudes interessiert sind, zeigt die enorme Resonanz auf die Ausstellung. “Die Leute brennen”, sagt Potocnik. Feuer und Flamme - nicht gerade die schlechteste Voraussetzung für eine nikotinfreie Zukunft der Tschickfabrik.

(Erschienen in der Standard, 30./31.10.2010)

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Wie man Bahnhof versteht

Stuttgart an einem schönen Spätsommerabend. Die Cafés sind voll besetzt. Man entspannt sich beim Feierabendbier, als plötzlich eine junge Frau herbeistürmt und ruft: “Kommt schnell, die Bagger sind da! Sie reißen den Bahnhof ab!”

Viele folgen ihr - und stoßen vor Ort auf eine aufgeregte Menschenmasse, auf Tieflader mit Bauzäunen, auf Polizisten, auf Sitzblockaden. Wenige Tage später beginnen die Bagger, den Nordflügel des denkmalgeschützten Hauptbahnhofs abzureißen. Was danach folgt, ist bekannt: Die Proteste eskalieren, die bislang nur lokale Debatte erfasst das ganze Land, man redet sich die Köpfe heiß über Tunnel, Milliarden und demokratische Werte.

Zur gleichen Zeit, ein paar Hundert Kilometer weiter: In Wien wird feierlich das “Bahnorama” eröffnet. Neugierige Bürger erklimmen den brandneuen, 66 Meter hohen Holzturm und bestaunen die Baustelle ihres Hauptbahnhofs, auf der bereits eifrig gebaggert und betoniert wird. Im angeschlossenen Infocenter geben Diagramme und Visualisierungen Aufschluss über das Großprojekt. Ombudsman Peter Guggenberger kümmert sich um die Sorgen der Bevölkerung: “Die meisten beschweren sich über Lärm, Staub und Baustellenverkehr. Bisher haben wir alle Probleme gelöst.” “Stuttgart21” verfolge man zwar mit Interesse, so Bahn und Stadt unisono, die Situation sei jedoch eine völlig andere.

An Sinn nicht gezweifelt

Auf den ersten Blick mag das stimmen. Denn anders als in Stuttgart wird der Sinn eines Durchgangsbahnhofs hier von niemandem in Zweifel gestellt. Gemeinsamkeiten gibt es aber trotzdem. Beide Bahnhöfe sind Teil der “Magistrale für Europa” , der EU-geförderten Nachfolgerin der legendären Orientexpress-Strecke. In beiden Fällen werden die Bahnhofsbauten mit der Errichtung ganzer Stadtviertel kombiniert. Die Verkaufserlöse aus den Grundstücken sollen die Projekte mitfinanzieren.

Während Stuttgart21 wegen der immensen Kosten mehrmals kurz vor dem Aus steht, wird im Bahnhofsturm gleich zu Beginn ein permanentes Infozentrum eingerichtet. Anfang 2010 schließlich folgt der Spatenstich für den von Christoph Ingenhoven geplanten Bahnhofsbau, hervorgegangen als Siegerprojekt aus einem offenen, internationalen Wettbewerb mit 126 Teilnehmern. Die offiziellen Baukosten für das Gesamtprojekt betragen 4,1 Milliarden Euro. Experten und Kritiker rechnen mit weit mehr.

Schauplatzwechsel: Als Verbindung zwischen den bisher getrennten Ost- und Südbahnstrecken in Wien wird 1994 ein Wettbewerb für einen neuen Durchgangsbahnhof ausgeschrieben. Da sich Stadt, Bund und Bahn über die Finanzierung nicht einig werden, verschwindet der siegreiche Enwurf des Schweizer Architekten Theo Hotz in der Schublade.

Architektur im Kombipaket

Kurz nach der Jahrtausendwende dann der zweite Anlauf. 2004 wird ein nicht offenes Expertenverfahren zur Bebauung des Gesamtareals ausgeschrieben. Unter den zehn geladenen Büros werden zwei Sieger gekürt: Albert Wimmer und das Planerteam Hotz und Hoffmann. Obwohl es in diesem Verfahren ausschließlich um die Stadtplanung geht, wird die Bahnhofsarchitektur praktischerweise gleich mitgeliefert.

Die einzige Vorgabe der Auslober: “Das Terminal soll eine eigene Identität besitzen und aus allen Richtungen identifizierbar sein.” Viel wichtiger scheint in diesem Zusammenhang die Hauptforderung der ÖBB, dass Einzelhandel und Bahnhof eine unbedingte Einheit zu bilden hätten.

“Ein Bahnhof ist primär ein funktionales Gebäude, weniger eine architektonische Herausforderung” , heißt es dazu lapidar seitens der ÖBB-Pressestelle. Nun denn. Die Bahn ist ja auch nicht für Architektur zuständig, sondern primär für eine reibungslose Infrastruktur.

Doch auch im Büro von Planungsstadtrat Rudolf Schicker - hier würde man sich Engagement in Sachen Architektur erwarten - verweist man darauf, dass im Zuge des Wettbewerbs “ja eh auch die Ausführung des Hauptbahnhofs” mitübertragen worden sei. Ist der Bahnhof der Zukunft, um mit den Worten von ÖBB-Manager Norbert Steiner zu sprechen, also “nur ein Dach” mit angeschlossenem Einkaufszentrum?

“Früher waren die Bahnhöfe Kathedralen für den Verkehr” , sagt der Wiener Stadtplaner und Publizist Reinhard Seiß. “Davon sind wir heute weit entfernt.” Und Sabine Gretner, Planungssprecherin der Wiener Grünen, wundert sich: “So einen Bahnhof baut man einmal in hundert Jahren. Das ist die Visitenkarte der Stadt. Offensichtlich wurde der Hauptbahnhof hier unter dem Deckmantel der reinen Infrastruktur abgehandelt.”

Kostenexplosion von Rechnungshof abgemahnt

Mehr Fragen als Antworten bot auch der Eiertanz um den sogenannten “Automatic People Mover” . Nachdem der Rechnungshof die Kostensteigerung, den fragwürdigen Sinn eines neuen Transportmittels parallel zum Gürtel und die Verflechtung des Bestbieters mit handfesten Immobilieninteressen scharf kritisiert hatte, wurde das Projekt wieder fallengelassen. Laut dem Büro des Planungsstadtrats ist das Ding vom Tisch. Auch von der anfangs geplanten Anbindung der erweiterten U2 ist keine Rede mehr. Stattdessen soll nun - dazu sind die ÖBB vertraglich verpflichtet - die Schnellbahn-Station Südbahnhof, wie man vernimmt, “ertüchtigt” werden.

Auch die Kostenexplosion des Gesamtprojekts wurde vom Rechnungshof deutlich abgemahnt. Die Investition der Stadt für die Infrastruktur hat sich zwischen 2007 und 2009 verdoppelt. Während in Stuttgart die Massen aus Sorge um ihre Steuergelder auf die Straße strömen, um zu protestieren, bleibt man in Wien ruhig und gelassen.

Liegt das etwa an der aufwändigen Informationspolitik der ÖBB, die neben “Bahnorama” und Ombudsman auch Arbeitsgruppen, Bezirksforen und sogar eine eigene Website eingerichtet hat? Reinhard Seiß sieht die Ursachen in der unterschiedlichen Mentalität: “In Deutschland herrscht ein ganz anderes Engagement bei stadtplanerischen Themen. In Wien ist das der breiten Bevölkerung aber wurscht. Und das geht Hand in Hand mit dem feudalen Selbstverständnis der Politik.”

Kann man in Wien also tatsächlich von oben nach unten planen, ohne dabei Widerrede zu kassieren? Gretner: “Gegen die Flächenwidmung beim Hauptbahnhof hat es weniger Einsprüche gegeben als bei der Kleingartenanlage Hackenberg.”

Lieber konzentrieren sich die Wiener auf die Nebenschauplätze. Nachdem die ursprüngliche Bezeichnung “Bahnhof Wien Europa Mitte” nur Spott und Hohn geerntet hatte, wurde die Bevölkerung damit vertröstet, dass noch ein eigener Namenswettbewerb folgen werde. Heute heißt das Projekt schlichtweg “Wien Hauptbahnhof” . Ohne Wettbewerb, versteht sich. Und ohne Protest.

(erschienen in der Standard, 16./17.10.2010)

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Email für Dich

Das Designduo Dottings denkt Einfachstes neu. Pünktlich zur Vienna Design Week kommen nun Töpfe für Riess Email auf den Markt. Ausgerechnet? Typisch!

Produktdesign, so die grob vereinfachte landläufige Meinung, macht Dinge neu und besser oder lässt sie zumindest neu und besser aussehen, damit die Menschen sie kaufen. Aber was gibt es an einem Produkt, dessen Markteinführung in etwa auf das Neolithikum datiert, noch zu verbessern? Die Rede ist hier vom Kochtopf. Hat die Menschheit in den über 10.000 Jahren des Hantierens mit Töpfen und den dazugehörigen Deckeln nicht das Prinzip „rundes Kochgefäß“ längst perfektioniert?

Töpfe sind so ziemlich das Erste, was einem ins Auge fällt, wenn man die hellen, aufgeräumten Atelierräume des Designduos Dottings im 9. Bezirk betritt. Und die Kochgefäße, die Katrin Radanitsch und Sofia Podreka sorgfältig auf ihrem Arbeitstisch gestapelt haben, wirken ganz und gar unsteinzeitlich. Die dezent bunten Töpfe sind so schlicht und selbstverständlich in ihrem Topf-Sein, dass sie überhaupt keiner Epoche anzugehören scheinen. Sicher ist nur, dass man auf jeden Fall den sofortigen Drang verspürt, sie zu benutzen und mit Essbarem zu füllen.

Wie kommt es, dass sich zwei junge Designerinnen mit ausgerechnet diesem Thema auseinandersetzen? Es war so: Dem in Ybbsitz/NÖ angesiedelten Traditionsbetrieb Riess, der seit gut 80 Jahren Töpfe und Pfannen aus Email herstellt, war eines Tages aufgefallen, dass diesem langlebigen und soliden Material das etwas behäbige Image des Großmütterlichen anhing. Das ist im Küchenbereich keineswegs schlecht, doch es sollten neue Zielgruppen angesprochen werden, und so wurde das 2006 gegründete Designbüro Dottings beauftragt, zusammen mit den Technikern des Familienbetriebs eine neue Produktlinie zu entwickeln. Zwei Jahre später kommen nun die frisch getauften „Aromapots“ unter dem Label „truehomeware made in Austria“ auf den Markt, und die Designerinnen sind längst zu Email-Expertinnen geworden.

„Für einen Topf sind 35 Arbeitsschritte nötig – sowohl maschinell als auch von Hand“, erklärt Katrin Radanitsch. Ein Aufwand, der sich lohnt: „Gerade für die heutigen Kochbedürfnisse ist Email ideal: Es beeinflusst den Geschmack nicht, Gemüse verliert nicht die Farbe wie bei Edelstahltöpfen, und weil es keine Schadstoffe abgibt, ist es auch für Allergiker geeignet. Außerdem wird beim Emailtopf der Inhalt gleichmäßig von allen Seiten erhitzt.“ Keine Frage, dass im Zuge des Produktdesigns auch Feldversuche in der eigenen Küche unternommen wurden und Radanitsch und Podreka inzwischen auch zu Hause nur noch in Email kochen.

Das Besondere an den Aromapots: Topf, Deckel und Griffe sind ganz und gar aus Email, ohne Angeschraubtes und Aufgestecktes. Für den aufgerauten Topfrand ohne den sonst üblichen schmutzkrustenanfälligen Edelstahlring wurde bei Riess extra eine neue Maschine angeschafft. Email, das glasähnliche Silikat, in das der eiserne Topfrohling  getaucht wird, hat seine eigenen Gesetze: „Wenn die Radien zu eng sind, platzt das Material ab“, erklärt Sofia Podreka. „Auch bei der Farbgebung ist man eingeschränkt, weil Email nie ganz farbecht ist, es gibt immer leichte Abweichungen.“

Aus der von Riess bereitgestellten Farbpalette wurden nach vielen Probeläufen fünf Farben für die Aromapots ausgesucht: Weiß, Hellgrau, „Dark Aubergine“, „Slow Green“ und „Silent Blue“. Still, dunkel und langsam: Die Dezenz im Design ist also schon in der Namensgebung verankert. So ein Produkt braucht schließlich keine schrillen Farben, um zu beeindrucken. Es überzeugt anders. Da ist zum Beispiel der Trick mit dem Deckel: Dieser kann die Seiten wechseln und lässt sich zum Servieren gleich als Topfuntersetzer verwenden.

Das Aromapots-Set kommt dieser Tage auf den Markt und sorgt schon jetzt für erwartungsfrohes Raunen in der globalen Kochwelt: „Die Japaner und Franzosen warten schon darauf, die kennen sich schließlich mit schwerem Kochgeschirr aus“, freuen sich die Designerinnen. Auch die ebenso schmoraffinen Briten haben bereits Interesse bekundet. Vorratsdosen mit Holzdeckeln, Topflappen und schicke Kartonverpackung im passenden Design bekommen sie gleich noch dazu.

Das ökonomische Denken gehört für Dottings sozusagen zum Gründungsmythos: Nachdem Katrin Radanitsch und Sofia Podreka an der Universität für angewandte Kunst studiert hatten, war ihr erster Auftrag nach der Gründung des gemeinsamen Studios die Entwicklung eines Brettspiels für Betriebswirtschaftler. „So hatten wir gleich am Anfang einen Crashkurs über Wirtschaft.“

Bereits 2007 folgte die Einladung zur Vienna Design Week. Inspiriert von den Räumlichkeiten des altehrwürdigen Hotels König von Ungarn beschäftigten sich Dottings mit traditionell Stofflichem wie Fransen, Quasten und Borten und entwarfen für Ligne Roset eine barock anmutende Fransenleuchte, die dann in Serie ging.

Bei der diesjährigen Designwoche sind Dottings gleich zweimal vertreten: Im Wien Museum werden sie gemeinsam mit sieben anderen Jungdesignern vorgestellt, auch hier werden Töpfe und Leuchten präsentiert. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei eindeutig auf dem Topf: „Obwohl wir gerne Lampen und Garderoben entwerfen, fühlen wir uns dem Produkt mehr verbunden als dem Möbel“, stellt Radanitsch klar. So überrascht es auch nicht, dass sie unter dem etwas pompösen Motto „Nachhaltigkeit – Lifestyle – Urbanität“ vom Einwegkapselröster Nespresso eingeladen wurden, sich Gedanken über die ökologischen Aspekte des Kaffeekonsums zu machen. Hierfür konzipierten die beiden ein augenzwinkernd „Grand Crus Cup Parade“ benanntes Kaffeeservice aus recycelten Aluminiumpads, als Prämie für Kunden, die ihre gebrauchten Kapseln zurückgeben.

Die Prototypen für die Tassen sind zurzeit in Produktion, der dazugehörige „Eco-Pass“ liegt bereits auf dem Arbeitstisch, trägt die Nummer 1 und ist ausgestellt auf – natürlich – George Clooney.

Bei allem Humor ist es den beiden Designerinnen mit dem ökologischen und sozialen Aspekt ihrer Arbeit durchaus ernst. Auf dem Tisch neben den Aromapots wartet schon die nächste Aufgabe – Bürsten und Besen in allen Formen; Recherche für das Projekt, der Blindenwerkstätte Wien zu einem wettbewerbsfähigen und ansprechenden Produktsortiment zu verhelfen.

Tassen, Töpfe, Bürsten – man könnte meinen, der Schwerpunkt Haushalt wäre Programm. „Nein, das ist Zufall“, sagt Radanitsch. „Wir interessieren uns genauso für Design im öffentlichen Raum. Und wir würden auch jederzeit gerne ein Auto bauen.“

(Erschienen in Falter 39/2010)

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Die Quadratur des Eies

Mit dem Eiermuseum in Winden am See, errichtet vom Architekturbüro gaupenraub, macht sich Bildhauer Wander Bertoni das schönste Geschenk zum 85. Geburtstag.

Der neueste Eintrag im Katalog trägt die Nummer 3627. Material Holz, Farbe Rot, Herkunft Moskau. Ein Ei. Wander Bertoni hat es vor wenigen Tagen von einer Russlandreise mitgebracht und wie alle anderen Eier in akkurater Handschrift in seinem karierten Heft archiviert.

Unter den tausenden Eiern - die meisten sind aus Holz, Keramik oder Glas - finden sich auch kultische Phallusobjekte aus indischen Tempeln, perlenbesetzte Hühnereier aus Rumänien, Dinosauriereier (sowohl echte als auch Kitschobjekte aus Porzellan) und sogar eierförmige Handgranaten. Der italienische Bildhauer - demnächst feiert er seinen 85. Geburtstag - sammelt schon seit den Fünfzigerjahren. Die Faszination hält nach wie vor an: “Die geometrisch einfachste Form ist die Kugel” , meint er, “einmal verformt erhält man ein Ei.”

Nachdem die Eier Jahrzehnte lang in verschiedenen Lagern vor sich hin geschlummert hatten, beschloss Bertoni, dass etwas geschehen musste. Und zwar noch zu seinen Lebzeiten. Der Plan, die Sammlung der Stadt Wien zu schenken, wurde wieder verworfen. Stattdessen schenkte sich Bertoni zum bevorstehenden Geburtstag einfach selbst ein Museum.

Architekt Johannes Spalt, der die alte Scheune zur Werkstatt adaptiert und später um ein Museum für Bertonis Großskulpturen ergänzt hatte, skizzierte einen ersten Entwurf, konnte ihn aufgrund seines hohen Alters aber nicht ausführen. “Daraufhin hat er mir zwei seiner ehemaligen Schüler empfohlen” , erinnert sich Bertoni, “ein Mädchen und einen Burschen.” Die so jugendlich Titulierten, Ulrike Schartner und Alexander Hagner vom Wiener Architekturbüro gaupenraub, begannen sofort, sich in die Materie Ei zu vertiefen.

Es stellte sich bald heraus, dass fast alle Eiermuseen, die es weltweit gibt, naheliegenderweise eiförmig sind. Auch Spalts Skizze wies - anders als seine sonstigen orthogonal gerasterten Bauten - eine deutlich runde Form auf. “Die Konkurrenz zu den Skulpturen Bertonis wäre viel zu stark gewesen” , erklärt Hagner. Und so löste man sich von den Vorgaben des Lehrers und stieß im Zuge neuerlicher Eierrecherchen bald auf die Grundform eines ebenso spiegelsymmetrischen Quadrats.

Der Entwurf der beiden Architekten sah ein transparentes, verglastes Erdgeschoß mit einer geschlossenen Haube aus Kupferblech vor. Der gewagte Clou daran: Das Museum sollte wie ein Vogel nicht auf vier, sondern auf zwei Beinen stehen. Während der Statiker zu rechnen begann, holten die Architekten - so lautete Bertonis Bedingung - die Erlaubnis von Johannes Spalt ein.

“Wir waren nervös und sind wie die Schüler zu ihm hingepilgert” , erinnern sich Hagner und Schartner. Die Nervosität erwies sich als unbegründet. Ihr ehemaliger Lehrer war begeistert und ebnete damit den Weg für das Museum im Calimero-Look. Immerhin handelt es sich dabei um den ersten freistehenden Bau für die Architekten.

Die zweibeinige Statik des Gebäudes erwies sich als Herausforderung der Güteklasse A. In Kombination mit der elegant kantigen Stiege balancieren die zwei schräg in den Raum gestellten Stützen das gesamte Obergeschoß. 27 dünne Zugstäbe verankern die Konstruktion im Boden und hindern das Bauwerk auf diese Weise am Abheben.

“Unglaublich” , sagt Bertoni, “30 Tonnen Stahl für 300 Kilo Eier!” Während des neunmonatigen Bauprozesses hatte der Bildhauer jede Menge Albträume, in denen die gewagte Konstruktion in sich zusammenfiel.

Pavillon unter Spannung

Alles lief nach Plan. Die präzise vorverformten Bauteile schnurrten zentimetergenau in ihre vorgesehene Position. Ganz selbstverständlich, als wäre es schon immer Teil des Ensembles gewesen, ruht das fertige Haus in seinem grünen Nest, zwischen zahlreichen Obstbäumen und einem von Bertoni in langjährigem Hemingway’schen Kampf zum Baum verformten Hollerstrauch. Wenn auch nicht in der Form, so ähnelt es doch im Charakter einem Ei: zart und fragil, stets unter Spannung stehend und doch in sich ruhend.

Die Zweiteilung der Ausstellungsräume auf dem Grundraster von zehn mal zehn Metern ergab sich aus den Besonderheiten der Sammlung. Fein säuberlich lassen sich die Exponate in weitestgehend unempfindliche und besonders lichtscheue Stücke teilen. Erstere stehen und liegen nun im vollverglasten Erdgeschoß in abgehängten Vitrinen.

Die wahre Raffinesse erwartet einen im ersten Stock: Für die empfindlichen und liegend zu lagernden ovoiden Schmuckstücke wurden handliche Passformen entwickelt, die sich wie in einem Setzkasten flexibel gruppieren lassen. Und da man Eier nicht wie Bilder einfach an die Wand nageln kann, wurden Metallstäbe in die hohlen Exponate gesteckt, die dann per Magnet direkt an Ort und Stelle gehalten werden.

In benutzerfreundlicher Augenhöhe sind die Schaukästen an der Innenseite des herausgeklappten Daches aneinandergereiht. Darunter lässt eine umlaufende Glasfuge Tageslicht von unten herein, ohne die lichtempfindlichen Eier zu blenden. Durch dieses Aufweiten und Erhellen wirkt der weiß gehaltene Raum - ganz so wie die Innenseite einer Eierschale - trotz gleicher Grundfläche erheblich größer als das gläserne Erdgeschoß.

Zwei Wochen vor dem Geburtstagsfest sind zwar noch nicht alle Eier einsortiert, aber der Bildhauer und seine Frau Waltraudt Bertoni, die die Sammlung kuratiert, sind von ihrem Museum längst begeistert. Und auch die Windener haben schon die ersten wohlwollenden Blicke darauf geworfen. “Besonders freut mich, dass das Eiermuseum auch den einfachen Leuten aus dem Ort gefällt” , so Bertoni. “Das ist für mich das Allerwichtigste.”

Dass das Museum bereits mit dem Architekturpreis des Landes Burgenland ausgezeichnet wurde, ist ein besonderes Zuckerl. Für die Wettbewerbseinreichung hatten die Architekten eigens ein in perfekte Quadratform hineingebratenes Spiegelei zubereitet. “Die Eier, die wir beim Experimentieren verwendet haben, wollte niemand essen” , sagt Alexander Hagner, “mit der Folge, dass ich jetzt vorerst keine Lust mehr auf Spiegeleier habe.” - Ein verkraftbarer Wermutstropfen angesichts der rundum gelungenen Quadratur.

(Erschienen in: “Der Standard”, 25./26.9.2010)

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Tokyo

Die Nobelshopallee Ginza ist am Sonntag für Fussgänger reserviert. Alle schweben wie auf Schienen über den sauberen schwarzen Asphalt. Wo Autos fahren dürfen, ist es genauso leise, denn die Autos schweben auch. An keinem Fahrzeug ein Staubkorn, auch Last- und Lieferwägen glänzen keimfrei. Aus den offenen Türen der Geschäfte dringt hochfrequenziger Begrüssungs-, Bedankungs- und Entschuldigungs-Singsang. Dazu an jeder Ampel melodisches Blindenleitgepinge. Kein Wunder, ist ja auch jeder, aber auch jeder Gehweg mit Blindennoppen und Blindenrillen ausgestattet. Durch diesen singenden und pingenden Teppich gleitet man, gefühlte 30 Zentimeter über dem Boden.

In der klaren Morgensonne auf dem Ladehof hinter dem Fischmarkt stopfe ich mir warme, weiche, frisch gemachte Krabbentempurabällchen in der Mund, die mir die grimmige Fischfrau über die Theke gereicht hatte, während neben mir Styroporgebirge in Styroporwölfe gestopft werden. Es schmeckt atemberaubend gut. Vor mir startet ein Fischtransportmofa seine Liefertour, das kostbare Gut, an einer gefederten Metallkonstruktion abgehängt, pendelt schwappgeschützt über dem Hinterrad.

Der Jetlag im Kopf lässt sich leicht maximieren durch Besuch der kollektiven Kirschblütenbeguckung am Sonntag im Ueno-Park. Lachende Massen wälzen sich unter berstenden Bäumen durch. Man picknickt auf blauen Plastikplanen unter den Kirschbäumen, die Standorte sind lange vorher reserviert. Schon am Mittag ortet man die ersten Sakeleichen. Fast alle rauchen beim Picknick, im Gehen ist es verboten. Alle fotografieren alles. Jedes einzelne Blütenblatt in Japan ist mindestens ein Dutzend Mal fotografiert worden. Eines Tages wird Japan im Meer versinken, wenn seine Datenspeicher unter der Last von Trilliarden Kirschblütenfotos zusammenbrechen.

Die Pause in „The next station is….Ebisü.“ (Pause) „Ebisü.“ ist sicher eine der süßesten Pausen der Welt. Noch dazu klingt das japanische U wie das türkische i-ohne-Punkt, einer der süßesten geschlossenen ungerundeten Hinterzungenvokale der Welt. Und noch mal dazu hat jede Station der Yamanote-Linie ihre eigene Melodie. Bei Ebisu ist es der Dritte Mann.
„The next station is….Shibüya.“ (Pause) „Shibüya.“
Sie sitzen still und friedlich in einer Reihe, leicht eingesunken, wie ausgeschaltete Roboter. Niemand telefoniert.
„The next station is….Harajükü.“ (Pause) „Harajükü.“
Das Mädchen streicht sich, abwesend, die Haare mit dem aufgeklappten Mobiltelefon aus dem Gesicht und döst weiter mit halboffenen Augen. Bald schläft man selbst ein, es kann ja nichts passieren, die Yamanote Line fährt immer im Kreis um Tokyos leere Mitte mit dem einsamen Kaiser und seiner Frau drin herum, und alles ist leise und dezent.
„The next station is…“

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Bröselnder Putz im Dorf der Moderne

Die marode gewordene Werkbundsiedlung in Wien-Hietzing wird ab September generalüberholt.

Katzen räkeln sich in sonnigen Vorgärten, zwei Damen plaudern am Gartentor vor einem weißen Würfelhaus im Tannengrün. „Hier kennt jeder jeden, wir fühlen uns wohl“, sagen sie  – idyllische Dorfatmosphäre im noblen Hietzing. Mit der kleinen Besonderheit, dass das weiße Würfelhaus von Adolf Loos stammt. Doch auf den zweiten Blick entdeckt man überall morsche Fenster und feuchte Schlieren an den abblätternden Putzfassaden. Was woanders noch als altersüblicher Bauschaden durchgeht, ist bei der seit 1978 denkmalgeschützten Werkbundsiedlung so gravierend, dass sie vor kurzem vom World Monuments Fund auf die Watchlist für bedrohte Baudenkmäler gesetzt wurde.

Die 70 Häuser umfassende Siedlung wurde 1932 unter der Leitung von Josef Frank von 31 namhaften in- und ausländischen Architekten wie Gerrit Rietveld, Oswald Haerdtl und, als einzige Frau, Margarete Schütte-Lihotzky, errichtet und ist ein einzigartiges Konzentrat erstklassiger moderner Architektur. Die Zukunft des leistbaren Wohnens sollte hier exemplarisch gezeigt werden. Dabei suchte man den Mittelweg zwischen der technizistischen Hygiene der linientreuen Moderne und dem roten Wiener Wohnbau, der bei den Werkbund-Architekten als kleinbürgerlich galt. Fortschritt und Gemütlichkeit auf minimalem Raum also – eine sehr wienerischer Mischung.

Der krisengebeutelte und konservative Mittelstand konnte sich die teuren Häuser aber kaum leisten. Nur 14 Häuser wurden verkauft, die restlichen blieben im Besitz der Stadt. Durch diesen jahrelangen Leerstand waren schon 1938 die ersten Sanierungen notwendig.

Nach dem Krieg geriet die Siedlung bald in Vergessenheit und war in den 1970er Jahren in desolatem Zustand. Eine Renovierung durch Adolf Krischanitz, die nachträgliche Umbauten der Bewohner mitberücksichtigte, verhinderte 1985 das Schlimmste.

25 Jahre später stehen nun abermals dringende Sanierungen an. „Die Keller sind ständig feucht und im Sommer ist es drinnen backofenheiß“, klagen die beiden Damen am Gartentor. Doch Hilfe naht: Kellerwände und Dächer werden isoliert, Fenster instandgesetzt. „Für das Sanierungskonzept wird alles auf Herz und Nieren geprüft“, erläutert Dr.Friedrich Dahm, Landeskonservator für Wien beim Bundesdenkmalamt. „Nicht nur Fassaden, Fenster und Gartenwege, sondern auch die Inneneinrichtung wird einer Bestandsaufnahme unterzogen.“ Ein radikales Wiederherstellen des Originalzustands ist aber, so Dahm, nicht geplant.

Der große Aufwand ist Programm:  Letzte Woche gab Wohnbaustadtrat Michael Ludwig bekannt, dass die eigens gegründete WISEG (Wiener Substanzerhaltungsgesellschaft & Co KG) mit der grundlegenden Sanierung der Siedlung beauftragt wurde. Das Budget beläuft sich auf 10 Millionen Euro, Ende des Jahres soll mit den Arbeiten begonnen werden. Für freiwerdende Wohnungen wünscht Ludwig sich „architekturaffine“ Neumieter. Die Bewohner haben dafür nur ein Lächeln übrig. „Wir wohnen alle sehr gerne hier.“, sagen die Damen stolz. „Und wir wissen sehr wohl, was wir an den Bauten haben.“ Die Bewohner des modernen Dorfes sind schließlich längst architekturaffin.

(in kürzerer Fassung erschienen in Falter 33/2010)

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Beppu

Schwefel und Schatten

Dampf, Dampf, Dampf. Sie kochen damit, sie heizen damit, sie baden darin. Der Rest dampft einfach so in der Gegend herum. Ein Badetag in Beppu, und man dampft, heizt und kocht selbst. Morgens in heißem Wasser (Onsen) auf dem Dach der Herberge. Mittags im Meer. Nachmittags lässt man sich von Frauen in senffarbenen Yukatas mit heißem Sand zuschaufeln. Dank eines winzigen Holzhockers, den die Senffrauen einem unter den Nacken schieben, kann man dabei sogar aufs Meer schauen. „Beppu - Sandbad der Seefahrer“. Danach ist man weichgekocht wie das Wurzelgemüse, das in Bergbeppus Rentnerrestaurants stundenlang in onsigem Schwefelwasser dümpelt.

„Essen wir heute beim Totkoch-Opa?“

„Ist geritzt.“

***

 Die kochenden, in irren Farben leuchtenden Quellteiche rangieren als Attraktion deutlich über „so mittel“. Für den Japaner ist das nicht attraktiv genug. Deshalb müssen, warum auch immer, zusammenhanglose Zootiere um sie herumdrapiert werden. Die heißen Quellen heißen Jigoku, also „Hölle“. Die Tiere dürften dem zustimmen. Einsame Fische in kleinen, leeren, trüben Aquarien. Hospitalistische Paviane. Ein einsamer Elefant im Niemandsland. Ein Nilpferd, in dessen permanent offenen Mund man für 200 Yen Kartoffelstücke werfen kann. Übereinandergestapelte Krokodile. Bei der Fütterung werden Erfrischungstücher an die kreischenden Bustouristen verteilt, die vom hochspringenden Tier mit stinkender abgestandener Krokobrühe vollgespritzt werden. Großes Hallo.

***

Auf dem wild gemusterten Teppich im Foyer ein Meer von braunen Plastikslippern. Ins Foyer darf man nicht mit Straßenschuhen, in den Saal nur mit Socken. Drinnen hocken ausnahmslos Rentner, ausnahmslos in weiß-blauen Yukatas, auf dem Boden und warten auf ihre tägliche Kurort-Unterhaltung. Alle knistern, knabbern und kichern, wuseln herum, gehen noch mal schnell auf die Toilette. Teil Eins der Aufführung besteht aus ausdrucksstarker, ja geradezu schmerzhaft ausdrucksstarker Pantomime kostümierter Schauspieler zu Playback-Songs, dabei ist immer nur ein Darsteller auf der Bühne, nach jedem Stück Wechsel. Zwischendurch immer wieder Jauchzen und lauter Applaus an Stellen, die sich – für uns – in nichts von anderen Stellen unterscheiden, weder durch einen einsetzenden Refrain oder eine besonders akrobatische Pose. Bis uns klar wird, dass es nicht um den Performer geht, sondern um den Schatten, den er auf den Vorhang hinter sich wirft. Applaudiert wird dem für einen Moment perfekten Schattenriß. Nach einer gefühlten Ewigkeit voller dramatischem Augenrollen und dramatischem Fuchteln zu leicht angestaubten Discokonserven wieder Knabber-, Knister- und Klopause. Von der Empore keckern angeheiterte Opas. Teil 2 ist ein offenbar im Samuraimilieu angesiedeltes Historiendrama. Der Handlung zu folgen, ist schwer, aber anscheinend haben die zwei bösen, raffgierigen Töchter ihre arme, alte Mutter verhöhnt und verstoßen, die gute Tochter kehrt ins Dorf zurück, absolviert mehrere Schwertduelle mit irgendwelchen Typen, findet die arme alte Mutter, die jedoch kurz darauf stirbt, worauf die gute Tochter zu Boden sinkt, dramatisch tremolierend „OKA-SAN!!!“ (Ehrenwerte Mutter!) ruft und anschließend unter den bedröppelten Blicken der beiden Bösen Seppuku begeht. Einige ältere Damen im Publikum wischen sich die Tränen aus den Augen. Teil 3 gleicht dann in jeglicher Hinsicht Teil 1, Posen, Schattenwürfe, Discoplayback. Die Rentner sind ausdauernder als wir, die wir uns nach einer Weile diskret zurückziehen und auf eine Wurzeljause zum Totkoch-Opa davonstehlen.

Nach einer der bestdurchschlafenen Nächte ever erwache ich auf der herrlich bequemen Matratze in meinem perfekt ausgewogen proportionierten Tatamizimmer. Die Morgensonne wirft durch das runde Fenster im Osten den perfekten Schattenriß eines Baumes auf die Schiebewand aus Reispapier. Nach der gestrigen Schattenerkenntnis in der Operette ist mir klar: Sowohl Baum als auch Fenster existieren einzig und allein, um dem um diese Zeit auf dieser Matratze erwachenden Gast genau dieses perfekte Bild zu zeigen. Und ich bekomme ein bisschen Angst vor Japan.

 beppu  orte  japan  2009 






Osaka

 

Fernsehbilder in X-Large auf allen Fassaden, riesige Kräne, die erdbebensichere Stahlträger in die Höhe heben, 24/7-Drogerien in grellsten Farben, Millionen von unverständlichen Zeichen auf Schaufenstern und Produkten, dumpfes Grollen aus den Pachinkohallen, das für Sekunden auf Düsenjetlautstärke springt, wenn jemand die Tür zur Straße öffnet, Treppen nach unten zu den Bars, Treppen nach oben zu den Bars, Members Only, auf jeder schmalen Parzelle ein achtstöckiges Haus mit übereinandergestapelten Bars, nur ein Zimmer gross, an der Fassade ein schmales hohes Schild, darauf Stockwerk und Barname, 1F bis 8F, alle mit Einwortnamen, mehr passt nicht auf die Schilder, ein paar Meter weiter das nächste, hunderte Meter geht das so, und in allen Quer- und Parallelstraßen auch, in ganz Umeda, und das ist nur eines von zwei riesigen Ess- und Ausgehvierteln in Osaka, das andere, Shinsaibashi, ist doppelt so groß. Genau wie in den Kaufhäusern, auf den Speisekarten und an den Ticketautomaten, ein nicht mehr fassbares Meer von Zeichen, die endlose Auswahlmöglichkeiten von sich nur minimal unterscheidenden Optionen anbieten. Blitzblanke pechschwarze Taxis gleiten in Konvois lautlos durch die engen Gassen, die Fahrer tragen weiße Handschuhe, die Sitze sind mit weißen Spitzendeckchen überzogen. an jeder Ecke stehen Typen im Anzug, vorsichtig guckt man im Vorbeigehen nach der Anzahl der Finger

Alle Bars sind voll, nur in einer „Russian Bar“ sitzen drei zusammengesunkene Gestalten einer drallen Barmatrone gegenüber, vielleicht werden sie aber auch bezahlt, um authentisch russische Atmo zu erzeugen, jedenfalls sieht es sehr nach Murmansk aus.

Die richtige Sushibar zu finden, ist deswegen nicht leicht, weil alle Restaurants mit Sichtschutzlappen verhängt und mit milchigen Schiebetüren versehen sind. Der visuelle Frischfischcheck wird so verunmöglicht. Nach wenigen Stunden Herumirren entwickelt man aber einen gewissen Instinkt, und, wer könnte es leugnen, auch einen gewissen Hunger.

Osaka ist Businessstadt, und nach Feierabend strömen die Grüppchen verbeugungsintensiv zum Feierabendbier. Dann wird gelärmt, getrunken und sehr sehr viel geraucht. Die Frauen unterscheiden sich übrigens in keiner dieser drei Disziplinen von den Männern. Die Sushibar ist, wie alle anderen, gerademal gästezimmergroß. Hinter der Theke der Sushimeister und der Grill- und Suppenmeister. Vor der Theke der Getränkelehrling. Das Bestellen funktioniert einfach, man deutet auf die Vitrine oder die Teller der rauchenden Nachbarn. Suppen-Mann kann als einziger etwas Englisch. Sushi-Mann hat nach mehreren exzellenten Gängen noch eine Empfehlung des Tages anzubieten. An Fischnamen scheitern jedoch die Sprachkenntnisse. Getränke-Mann fuchtelt jungenhaft eifrig in Richtung Sushi-Mann, und richtig, Glühbirne über Kopf, wir haben ja noch das Fischbuch im Regal. Strahlend wird eine Art völlig zerfleddertes „Kosmos buntes Kinder-Fischlexikon“ über die Theke gereicht, alle blättern aufgeregt darin, bis die Lösung gefunden ist: Makrele.

Ich nehme dann doch den Tintenfisch.

 orte  japan  osaka  2009 



Texte.

Auch:
Ostmoderne.
Riesenmaschine.

Texte und Fotos
(c) Maik Novotny.
mn[at]maiknovotny.com



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